KI für Anwälte und Steuerberater: Welches Tool passt zur Kanzlei?

Eine Steuerberaterin und ein Fachanwalt diskutieren vor einem Laptop über sinnvolle KI-Anwendungen im Kanzleialltag.

Welche KI zur Kanzlei passt, entscheiden zwei Fragen: Welche Aufgabe soll das Tool übernehmen, und darf es dafür Mandantendaten verarbeiten? KI für Steuerberater und Juristen gibt es dann sowohl als Sprachmodell als auch als Legal-AI mit Fachquellen und als Kanzleiplattform. Ein Tool für alles existiert nicht. Zuerst sollte die Aufgabe und dann die Verschwiegenheit geklärt werden. Ein Test mit repräsentativen, datenschutzkonformen Aufgaben entscheidet dann zwischen den verbleibenden Tools.

 

Das Wichtigste in Kürze:

  • Kein Tool deckt jede Aufgabe ab: Sprachmodelle, Legal-AI und Kanzleiplattformen haben unterschiedliche Stärken.
  • Das Berufsrecht setzt die Grenze: § 43e BRAO und § 62a StBerG verlangen eine Verschwiegenheitsverpflichtung des KI-Anbieters.
  • Fünf Kriterien führen zur Entscheidung: Vertraulichkeit, fachliche Qualität, Quellen, Integration und Kosten.
  • Ein Test mit zwei bis drei echten Aufgaben zeigt mehr als jede Produktbeschreibung.

Welche KI für Anwälte, Juristen und Steuerberater gibt es?

ChatGPT, Gemini und Claude sind die Branchenprimen, doch gibt es inzwischen auch einige spezialisierte KI-Lösungen. Hierbei den Überblick zu bewahren, ist für jede Berufsgruppe herausfordernd. Wir helfen bei der Einordnung.

Der Markt lässt sich in drei Werkzeugklassen gliedern, die jeweils eine andere Aufgabe lösen:

Allgemeine Sprachmodelle wie ChatGPT und Claude eignen sich für Textarbeiten: Mandantenschreiben und Aktenvermerke gelingen mit diesen Modellen schnell. Sie greifen jedoch nicht verlässlich auf juristische Fachliteratur zu. Halluzinationen, also frei erfundene Inhalte, sind daher möglich. Quellen lassen sich schwer nachvollziehen.

Legal-AI mit Fachquellen wie Otto Schmidt Answers oder Beck-Noxtua arbeitet hingegen mit juristischen Fachtexten. Das Risiko von Halluzinationen sinkt dadurch deutlich und Anwender können Aussagen bis zur Fundstelle zurückverfolgen. Für die rechtliche Recherche ist Nachvollziehbarkeit entscheidend. Prüfen Sie, ob Ihr Rechtsgebiet ausreichend abgedeckt ist.

Kanzleiplattformen und integrierte KI setzen an den Arbeitsabläufen an. Dazu zählen Libra sowie die KI-Funktionen von DATEV und Microsoft Copilot. Deren Stärke ist die Einbindung in vorhandene Systeme. Wie gut die Ergebnisse für Ihre Rechtsgebiete ausfallen, zeigt aber nur ein Test.

 

Übersicht der KI-Tools

Werkzeugklasse Beispiele Typische Aufgaben in der Kanzlei Stärke Grenze
Allgemeine Sprachmodelle ChatGPT, Claude Mandantenkommunikation, Zusammenfassungen, Aktenvermerke, Lernbegleitung Vielseitig einsetzbar Kein Zugriff auf juristische Fachliteratur, Quellen schwer nachvollziehbar
Legal-AI mit Fachquellen Otto Schmidt Answers, Beck-Noxtua Rechtliche Recherche Arbeit mit Fachtexten, nachvollziehbare Quellen, greift auf umfassende Datenbanken zurück Schwerpunkt Recherche, Abdeckung des eigenen Rechtsgebiets prüfen
Kanzleiplattformen und integrierte KI Libra, DATEV-KI-Funktionen, Microsoft Copilot Abläufe und Dokumentenarbeit im vorhandenen System Einbindung in bestehende Arbeitsabläufe Leistungsumfang je Anbieter verschieden, im Test prüfen

(Stand: September 2026)

Infografik mit den fünf Auswahlkriterien für KI-Tools in Kanzleien: Vertraulichkeit, fachliche Qualität, Quellenzugang, Integration und Kosten

Nach welchen Kriterien wählt man das richtige KI-Tool?

Wir empfehlen, das richtige KI-Tool für die eigenen Zwecke an fünf Kriterien zu messen. Diese fünf Kriterien stehen auch im Tool-Benchmark unseres Webinars „Legal AI im Vergleich“.

Das erste ist ein Ausschlusskriterium, die übrigen vier gewichten Sie nach den Präferenzen Ihrer Kanzlei.

  1. Vertraulichkeit und Berufsrecht. Lässt sich der Anbieter vertraglich zur Verschwiegenheit verpflichten? Wenn die Antwort negativ ausfällt, scheidet das Tool für Mandatsdaten aus. Datenschutz allein reicht dafür nicht.
  2. Fachliche Qualität und Verlässlichkeit. Geben Sie dem Tool zwei bis drei Aufgaben aus Ihrem Rechtsgebiet und prüfen Sie die Ergebnisse gegen die Originalquelle.
  3. Quellenzugang und Nachvollziehbarkeit. Belegt das Tool jede Aussage mit einer Fundstelle, die Sie direkt öffnen können?
  4. Bedienbarkeit und Integration. Passt die Oberfläche zu Ihrem Team, und lässt sich das Tool in Aktenführung und Kanzleisoftware einbinden?
  5. Kosten und Lizenzmodell. Vergleichen Sie den Preis pro Nutzer, Vertragslaufzeit und Mindestabnahme mit der Zeit, die das Tool tatsächlich spart.

Was verlangt das Berufsrecht bei der Tool-Auswahl?

Berufsrechtlich ändert KI nichts an der Verantwortung. Die BRAK stellt in ihrem Leitfaden vom Dezember 2024 klar, dass der KI-Einsatz die Anwaltschaft nicht von der eigenverantwortlichen Beratung entbindet. Für die Tool-Auswahl zählen die Regeln zu externen Dienstleistern, denn ein KI-Anbieter mit Zugang zu Mandatsdaten ist ein solcher Dienstleister.

Für Rechtsanwälte regelt das § 43e BRAO, für Steuerberater § 62a StBerG. Beide Normen verlangen dasselbe Vorgehen: Der Zugang zu geschützten Tatsachen ist nur zulässig, soweit er erforderlich ist. Die Kanzlei wählt den Anbieter sorgfältig aus und verpflichtet ihn schriftlich zur Verschwiegenheit, mit Belehrung über die strafrechtlichen Folgen (§ 43e Abs. 2 und 3 BRAO, § 62a Abs. 3 StBerG). Bei Anbietern mit Auslandsbezug muss das Schutzniveau mit dem inländischen vergleichbar sein. Dient das Tool unmittelbar einem einzelnen Mandat, kommt die Einwilligung des Mandanten hinzu.

Ein Auftragsverarbeitungsvertrag nach DSGVO genügt allein nicht. Die Datenschutzvorschriften gelten neben den berufsrechtlichen Pflichten (§ 43e Abs. 8 BRAO, für Steuerberater entsprechend). Prüfen Sie deshalb beide Vertragswerke. Die Bundessteuerberaterkammer hat ihre Auslegung für den KI-Einsatz im FAQ-Katalog vom 27. Januar 2026 zusammengefasst.

Als Anwenderin von KI-Systemen trägt die Kanzlei außerdem Verantwortung für die KI-Kompetenz ihres Personals (Art. 4 KI-Verordnung). Die Digital-Omnibus-Verordnung (EU) 2026/1744 hat die Vorschrift neu gefasst und ist seit 27. Juli 2026 in Kraft. Betreiber unterstützen die Entwicklung der KI-Kompetenz, ein bestimmtes Niveau garantieren müssen sie nicht.

 

Worauf achten Anwälte und Steuerberater zuerst?

Juristen und Steuerberater haben mitunter andere Kriterien für die erfolgreiche Nutzung von Künstlicher Intelligenz als der Privatnutzer oder andere Berufsgruppen.

 

Was ist für Rechtsanwälte entscheidend?

Für Rechtsanwälte steht die Recherche mit belegbaren Quellen an priorisierter Stelle. Für die Recherche im deutschen Recht bieten sich dafür Legal-AI-Tools mit Fachquellen an, etwa Otto Schmidt Answers, Beck-Noxtua oder Plattformen wie Libra oder Beamon AI, bei denen geprüfte juristische Quellen hinzugefügt werden können.

Diese Tools greifen auf zitierfähige Fachliteratur zurück, anstatt ungeprüfte Inhalte aus dem freien Web zu nutzen. Für den Dokumentenvergleich, etwa bei überarbeiteten Gesellschaftsverträgen, eignet sich zunächst ein Sprachmodell wie ChatGPT oder Claude. Kanzleisoftware mit integrierter Dokumenten-KI wie AnNoText bietet den Vergleich direkt im Workflow der Akte an, auch bei mehrsprachigen Fassungen. Wer Urteile des Bundesarbeitsgerichts auswertet, prüft die KI-Zusammenfassung eines Recherchetools stets gegen das Originalurteil.

Kanzleien brauchen am Ende nicht alle dasselbe Tool. Die konkrete Aufgabe entscheidet über die engere Auswahl.

 

Was ist für Steuerberater entscheidend?

Steuerberater prüfen zuerst den Vertrag nach § 62a StBerG, danach die Einbindung in die vorhandene Software.

Für Kanzleien, die bereits mit DATEV arbeiten, liegt der Einstieg über die KI-Funktionen von DATEV nahe, weil Mandantendaten dabei im gewohnten System bleiben. Bei BMF-Schreiben und Gesetzesbegründungen dient ein Sprachmodell wie ChatGPT oder Claude als erster Überblick; maßgeblich bleibt das Originaldokument.

Dient das Tool einem einzelnen Mandat, holen Sie die Einwilligung des Mandanten ein (§ 62a Abs. 5 StBerG). Funktionen, Anforderungen und Anwendungsfälle vermittelt unser Webinar ChatGPT für Steuerberater (auch im Fortgeschrittenen-Modul verfügbar).

Häufige Fragen zur KI-Auswahl in der Kanzlei

Die beste KI für Anwälte gibt es nicht, sondern nur die passende je Aufgabe. Für die rechtliche Recherche eignet sich Legal-AI mit Fachquellen wie Otto Schmidt Answers. Textarbeit übernimmt ein Sprachmodell wie ChatGPT oder Claude, Abläufe eine Kanzleiplattform wie Libra. Vor jeder Wahl steht die Prüfung nach § 43e BRAO.

Steuerberater setzen Sprachmodelle für Texte und Protokolle ein. Recherchetools mit Fachquellen liefern belastbare Antworten auf Fachfragen, integrierte Funktionen etwa von DATEV unterstützen die Arbeit im vorhandenen System. Voraussetzung ist eine Verschwiegenheitsverpflichtung des Anbieters nach § 62a StBerG. Dient das Tool einem einzelnen Mandat, kommt die Einwilligung des Mandanten hinzu.

Mandantendaten gehören nicht in öffentlich zugängliche KI-Dienste, solange keine vertragliche Absicherung vorliegt. Für Anwälte verlangt § 43e BRAO einen Vertrag in Textform mit Verschwiegenheitsverpflichtung, für Steuerberater § 62a StBerG. Alternativ geben Sie nur anonymisierte Inhalte ein.

Nein. Der Auftragsverarbeitungsvertrag regelt den Datenschutz nach DSGVO. Berufsrechtlich fordern § 43e BRAO und § 62a StBerG zusätzlich eine Verschwiegenheitsverpflichtung des Anbieters mit Belehrung über die strafrechtlichen Folgen. Fragen Sie jeden Anbieter nach beiden Dokumenten, bevor Mandatsdaten in das Tool gelangen.

Eine eigene KI-Fortbildungspflicht sehen StBerG und BOStB laut BStBK nicht vor. Mittelbar folgt eine Schulungserwartung aus Art. 4 KI-VO, nach dem Betreiber die KI-Kompetenz ihres Personals unterstützen müssen. Die BStBK empfiehlt Schulungen zu Grundlagen, Anwendungsfeldern, Prompt-Design und typischen Fehlerbildern.

Key Takeaways

  • Ein KI-Tool für alle Kanzleiaufgaben gibt es nicht: Sprachmodelle, Legal-AI mit Fachquellen und Kanzleiplattformen lösen unterschiedliche Aufgaben.
  • Vor jedem Test steht die Vertraulichkeit: Anwälte prüfen § 43e BRAO, Steuerberater § 62a StBerG.
  • Ein Auftragsverarbeitungsvertrag nach DSGVO ersetzt die berufsrechtliche Verschwiegenheitsverpflichtung nicht.
  • Fachliche Qualität, Quellenbelege, Integration und Kosten entscheiden über die Reihenfolge der geprüften Tools.
  • Ein Test mit zwei bis drei echten Aufgaben liefert die belastbarste Entscheidungsgrundlage.
  • Die Kanzlei trägt als Anwenderin Verantwortung für die KI-Kompetenz ihres Personals (Art. 4 KI-VO).

Stand: Oktober 2026

Christian Munz, Teamleiter Fachseminare von Fürstenberg
Autor: Christian Munz
Leiter Marketing & Sonderprojekte, Fachseminare von Fürstenberg